Vertane Chancen auf der Strecke zwischen Steigerwald und Rhön

Als Mitglied im Landes- und Bundesvorstand der Wirtschaftsjunioren bin ich in den letzten Jahren viel herumgekommen. Wenn ich irgendwohin muss läuft das meist so ab: Ich zücke mein iPhone, starte die Maps App meines Vertrauens, suche mir die beste Möglichkeit an mein Ziel zu kommen und los geht‘s. Meist klappt das recht gut. In infrastrukturell gut ausgebauten Regionen lande ich oft bei einer Kombination aus Laufen, Bus und vor allem der S- oder U-Bahn. Unterwegs kann ich jederzeit Stopps oder Umwege einlegen, Route in der App anpassen, fertig. Digital gesteuerte Mobilität funktioniert bei guten Verkehrsangeboten spontan, schnell, entspannt, flexibel ohne lange Planerei und nervige Staus. Auch in ländlichen Räumen. Dort wo man sein Ticket digital lösen kann geht es kaum besser.

Daheim im schönen Schweinfurter Land bleibt mir neben dem Fußweg praktisch nur das Auto. Mit allen damit verbundenen Nachteilen: Die Fahrerei frisst meine Zeit. Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren und kann nebenher nichts machen, muss mich über nervige Staus, Baustellen und die Parkplatzsuche ärgern. Außerdem habe ich die Fixkosten für den PKW an der Backe.

Warum ist das bei uns zwischen Steigerwald, Haßbergen, Rhön und Spessart eigentlich so?

Keine Frage, für die flexible, moderne, digital gesteuerte Mobilität benötigt man entsprechende Angebote. Da gibt’s bei uns neben dem eigenen Auto praktisch nur den Schweinfurter ÖPNV in Form des Stadtbusses und die damit nicht so richtig abgestimmten Landkreisbuslinien. Die Busfahrten sind bei uns konkurrenzlos billig, die Linienführung, die Fahrpläne und die Taktung sind aber auch ausbaufähig. Überhaupt ist der Bus bei uns gefühlt eher das Transportmittel für alle die keine Alternative dazu haben oder für Mobilitäts-Idealisten. Vielleicht ist das so weil der Busverkehr bei uns seit jeher kostenoptimiert abgebildet wird. In Schweinfurt waren wir jahrelang stolz darauf, die vergleichsweise niedrigsten Ausgaben für den ÖPNV zu haben. Hier bei uns kann mir mein digitaler Routenplaner mangels Möglichkeiten meist wenig Erbauliches anbieten.

Qualität hat eben ihren Preis. Nicht umsonst zählen eine gute Verkehrsinfrastruktur und ein attraktives Nahverkehrsangebot bundesweit zu den wichtigen Standortfaktoren für Fachkräfte und innovative Wirtschaftsunternehmen.

Erfreut habe ich mitbekommen, dass der Landkreis Schweinfurt gerade ein Mobilitätskonzept erstellt, in dem der moderne Nahverkehr eine wichtige Rolle spielt. Anscheinend sollen die Busse im Landkreis nun mit den Stadtbussen abgestimmt werden. Die Anzahl der Linien soll zwar etwas ausgedünnt werden, aber die verbleibenden Linien sollen dafür häufiger und regelmäßiger fahren. Um all dies zu ermöglichen nimmt der Landkreis eine Menge zusätzliches Geld in die Hand und bald soll auch eine Abstimmung mit den Angeboten der umliegenden Landkreise in einem neuen Verkehrsverbund Mainfranken erfolgen. Das klingt nach deutlicher Verbesserung. Erfahrungsgemäß folgt auf ein gutes Angebot auch die entsprechende Nachfrage. Das dürfte selbst bei uns so sein.

Wenn ich mir dann aber die Diskussion um die Eisenbahnlinie Schweinfurt – Gerolzhofen anschaue wird mir Angst und Bange. Offensichtich wäre der Freistaat Bayern bereit zwischen Bad Kissingen – Schweinfurt und Gerolzhofen einen Zugverkehr einzurichten, stündlich zwischen fünf Uhr früh und elf Uhr nachts. Auf seine Kosten!

Der Landkreis müsste die stauanfällige Omnibusroute zwischen Schweinfurt und Geo nicht mehr bedienen und könnte die Mittel für andere ÖPNV Zwecke einsetzen.

Klar, die stillgelegte Bahnstrecke müsste wieder in Stand gesetzt werden. Das Ganze ist nicht billig. Konkret soll das 20 – 25 Millionen Euro kosten. Das ist mächtig viel Geld. Der Knaller? Auch das würde der Freistaat finanzieren. Was dazu fehlt? Ein Kreistagsbeschluss.

Jetzt fragt Ihr Euch: Was gibt es da noch zu überlegen?

Die Gemeinden entlang der Strecke sind dagegen. Das vermeintliche Problem: Die schon ewig bestehende Trasse stört die Innenentwicklung der Orte. Die Kommunen wollen nun die schmale Trasse kaufen und als Entwicklungsfläche nutzen um die Gemeinden in die Zukunft zu führen. Den bestehenden Gutachten, die ein hohes Fahrgästepotenzial für die Strecke ermittelt haben, glaubt man nicht, obwohl sie von anerkannten deutschen Experten erstellt wurden.

Der Knackpunkt: Der Freistaat Bayern legt seinen Entscheidungen von Rechts wegen ausschließlich die offiziellen Berechnungen seiner eigenen Fachleute von der zuständigen Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) zu Grunde. Macht ja auch Sinn. Immerhin geht es hier um richtig viel Geld. Man hört aber die Experten der Staatsregierung kämen zu ähnlichen Ergebnissen wie die vorhandenen Gutachten, so sie denn offiziell angefragt würden.

Ich fasse das nochmal in einfachen Worten zusammen. Diejenigen, die uns das Geld geben würden, eine Menge Geld für die Infrastruktur in unserer Region, diejenigen sagen: „Wir würden Euch das Geld schon geben, Ihr müsstet halt fragen“.*

Sicherlich ist die Wiederbelebung der Bahntrasse für Einzelne doof, denn auf einmal rumpelt’s dann doch wieder hinter dem Haus, aber für die Entwicklung in unserer Region sollen wir jetzt 25 Millionen Fördermittel flöten gehen lassen weil eine Bahntrasse, die da schon seit anno tobak liegt auf einmal stört?

Die anderen bayerischen Landkreise werden dieses Geld sicher dankend für ihren Regionalvekehr annehmen.

Man kann seine Meinung ändern und trotzdem gut dastehen. Diese Größe beweist der Gerolzhöfer Bürgermeister Thorsten Wozniak. Wozniak hat nämlich bei genauer Betrachtung der Sachlage das hohe Potenzial für die Region erkannt und seine Position überdacht. Er plädiert nun für eine Revidierung des bislang ablehnenden Stadtratsbeschlusses. Man kann nur hoffen dass er sich mit diesem vernünftigen Ansatz durchsetzt.

Vielleicht bringt seine kluge Haltung auch andere zum Nachdenken, so dass der Kreistag am Ende den entsprechenden Antrag in München stellt.

Vertane Chancenregion Schweinfurter Land?

 

* Es gibt momentan zwei Gutachten. Ein umfängliches zur Steigerwaldbahn insgesamt (Uni Würzburg) und ein knappes von der Fa. kobra NVS GmbH, Kassel, als Teil des für den Landkreis SW erarbeiteten Mobilitätskonzeptes. Beide kommen faktisch zu den gleichen Ergebnissen.